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Werla: Die Kernburg

ÜbersichtDie Kernburg wurde in den ersten Jahrzehnten des 10. Jh., wahrscheinlich zwischen 919 und 924, erbaut. Eine direkte Vorbesiedlung des Platzes hat es nicht gegeben. Sie liegt auf einem in das Okertal vorragenden Geländesporn und ist im Süden und Osten von 17 m hohen Steilhängen begrenzt. Auf der dem offenen Gelände gegenüberliegenden West- und Südseite schützte ein 12 m breiter und 4 m tiefer Spitzgraben die Anlage. Dahinter lag ein acht Meter breiter Erdwall mit einer vorgeblendeten Steinmauer. Sechs halbrunde bastionsartige Türme verstärkten die Befestigung zusätzlich. Dort, wo Graben und Wall auf den Steilhang trafen, führten Zangentore in die Burg. Eines der Tore konnte nach dem Grabungsbefund als 1:1 Modell an der originalen Stelle rekonstruiert werden. Auf der Hangseite im Süden und im Osten war kein Graben erforderlich. Entlang der oberen Hangkante wurde eine terrassenartige Mauer errichtet. Wegen des schwierigen Untergrundes traten schon bald statische Probleme auf, so dass die Mauer teilweise abgestützt oder sogar komplett erneuert werden musste. Türme gab es auf dieser Seite nicht, aber im Zug der Erneuerung wurden zwei rechteckige Speicher eingebaut.

Im Zentrum der Kernburg lag ein Gebäudekomplex aus einer kreuzförmigen Kirche und dem ältesten Steinhaus, die im Zuge einer Umbauphase in der Mitte 10. Jh. zu einem langen Gebäudekomplex zusammengefügt worden waren. Steinhaus und Kirche waren mit einem Gipsestrich-Fußboden ausgestattet, was in dieser Zeit ein Kennzeichen von Gebäuden ist, die von der sozialen Elite genutzt wurden.

Einen Gipsestrich besaß auch der sog. Palas 1 am südlichen Rand der Kernburg. Zudem war in seinem zentralen Saal eine ausgefeilte Heißluftheizung eingebaut, die in der mittelalterlichen Architekur ohne Beispiel ist. Östlich schloss sich an den Palas eine Rundkapelle an, die der königlichen Familie vorbehalten war.

Ein weiteres, sehr großes Steingebäude, das aufgrund der Breite seiner Fundamente mindesten zweistöckig gewesen sein muss, wurde ebenfalls noch im 10. Jh. nördlich der Kirche errichtet. Seine Reste sind schlecht erhalten und es ist noch nicht möglich gewesen, seine Funktion zu klären. Weiterhin lagen in der Kernburg mehrere steinerne Speicher für die Lagerung von Vorräten und wahrscheinlich zwei Hofstellen königlicher Dienstleute, die mit dem Unterhalt der Pfalz betraut waren.

Werla: Die Vorburgen

Kaiserpfalz PlateauAm Anfang hatte die Werla nur eine Vorburg im Norden, die von einer Steinmauer begrenzt war. Das Fehlen von Graben und Wall zeigt, dass es sich um keine militärische Befestigung handelt. Im Inneren der Vorburg lagen vorwiegend Grubenhäuser, die als textil- und metallverarbeitenden Werkstätten dienten. Produziert wurde von der abhängigen Bevölkerung der umliegenden Dörfer, die nicht nur zur Abgabe von Naturalien verpflichtet waren, sondern auch ihre Arbeitskraft in einem genau festgesetzten Rahmen saisonal zur Verfügung stellen mussten. Sehr bald wurde die Vorburg enorm erweitert und jetzt wie die Kernburg mit Graben und Wall mit vorgeblendeter Steinmauer befestigt. Auch der westlich der Kernburg liegende „Kapellenberg“ wurde einbezogen, auf dessen Plateau eine zusätzliche rechteckige Befestigung erbaut wurde. Dieser Ausbau fällt nach archäologischen Beobachtungen in die Zeit um 930. Die Nutzung der vergrößerten Vorburg änderte sich nicht, der Umfang der Produktion wurde damit aber enorm erhöht. Nach außen schloss sich eine äußere Vorburg an, deren Befestigung aus Graben und Wall ohne Steinmauer bestand. Auch die Flächen der äußeren Vorburg waren dicht mit Grubenhäusern bebaut und wurden genutzt wie beschrieben. Im 10. Jh. war die Werla der wahrscheinlich der größte Produktionsstandort im Norden Deutschlands und hier zugleich die größte befestigte Anlage.

Autor: Dr. Michael Geschwinde